„Ich habe zwei Rollschuhe an – und die Spuren sind jetzt sechs Meter weiter auseinander als vorher.“
Der 27-jährige Schlagzeuger aus Österreich beschreibt damit den Spagat, der sein Leben seit vier Jahren prägt: Musiker sein, Vater sein, Partner sein und irgendwie keinem dieser Bereiche das Gefühl geben, zu kurz zu kommen.
Mit 23 wurde Lukas zum ersten Mal Vater. Damals hatte er sich gerade erst von seinen Eltern abgenabelt. „Das war dann schon viel auf einmal“, erinnert er sich.
Zwei Kinder später – Emma Lou ist vier, Nil knapp drei – kennt er das Gefühl, „zerrissen“ zu sein, in- und auswendig. Er geht aus der Haustür und hat sofort ein schlechtes Gewissen, weil er die Familie zurücklässt. Ist er drei Tage daheim, kriegt er Unruhe, weil er weiß: finanziell wird es eng.
„Mit dem ersten Schritt vor der Haustüre habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich jetzt gehe. Und wenn ich drei Tage daheim bin, kriege ich eine Unruhe, weil ich weiß: finanziell wird es eng. Es ist wurscht, in welche Richtung das Pendel ausschlägt – man fühlt sich immer zerrissen.“
Der Spiegel
Was ihn am meisten überrascht hat? „Die Kinder sind jeden Tag genau dein Spiegel.“
Alles, was er tut, sagt, ausstrahlt – es kommt zurück.
Emma Lou, die Vorsichtige, die für eine Treppe sieben Minuten braucht.
Nil, der Wirbelwind, bei dem von Anfang an alles „Bam, Brack“ war.
Lukas sieht in ihnen auch die Folgen seiner eigenen Überlastung: die Tage, an denen er „primitiv über sie drüberfährt“, weil er sich selbst nicht mehr spürt. „Das stört mich am meisten an mir“, sagt er leise.
„Das, was mich am meisten an mir stört: Wenn ich daheim in Situationen, wo eigentlich alles gut ist, wo wir einen super Spaß haben könnten, mich wegen Kleinigkeiten aufrege, weil ich vollkommen überlastet bin. Daran will ich arbeiten.“



Kontrastprogramm Geburt
Wenn Lukas vom schönsten Moment seines Lebens erzählt, leuchtet er. Die Geburt von Emma Lou: Lieblingsmusik im Kreißsaal, Sonnenuntergang, alles wie im Bilderbuch.
„Der überwältigendste Moment, den ich bis jetzt je erlebt habe.“
Anders bei Nil: eineinhalb Stunden, Rettung am Telefon, die Anweisung, Nadel und Faden bereitzuhalten.
„Filmreif“, sagt er trocken. Aber der Moment, als er seinen Sohn zum ersten Mal hielt – „wie zehn Milliarden Sternderl, die in dir herumfliegen“.
„Beim ersten Kind haben wir 17 Mal den Schnuller abgewaschen, wenn der am Boden gefallen ist. Beim Zweiten der direkt wieder im Gesicht. Man fühlt sich schon ein bisschen schlecht, wenn man den direkten Vergleich hat.“
Das Zerrissensein bleibt
Das Härteste war ein Gehörsturz. Fünf Wochen lang konnte er als Musiker nicht arbeiten, wusste nicht, ob sein Gehör zurückkommt.
Daneben ein schreiender Säugling, eine fix und fertige Familie. „Da war ich am fertigsten.“ Aber es kam alles zurück – das Gehör, die Arbeit.
Die Erkenntnis blieb: Man kann nicht alles in der Hand haben. „Scheiße“, sagt Lukas, und es klingt wie ein Gebet.
„Es ist so arg, wie wenig man mit Männern, die keine Kinder haben, über das reden kann. Die haben einfach wirklich keine Vorstellung.“

„Danke, Papa“
Was er sich wünscht? Dass seine Kinder irgendwann sagen: „Es gab keine Möglichkeit, die uns verwehrt blieb.“ Dass sie wissen, er war ehrlich. Dass sie – „vielleicht nach der Pubertät, wenn es wieder normal ist“ – einfach sagen: „Danke, Papa.“
Letzte Worte?
Wenn deine Kinder das hier später mal hören, was würdest du ihnen sagen?
„Ihr seid die zwei Menschen, die mich am meisten geprägt haben. Ich liebe euch ungefähr so viel, wie man Menschen lieben kann. Und noch ein bisschen mehr.“